Die Zwangssterilisation des Hans Lieser
Kurzfilm im Trier-Kino des Stadtmuseums Simeonstift
Bild: Harry Günzel und Bettina Leuchtenberg haben sich auf historische Dokumentarfilme spezialisiert
Mit der Wiedereröffnung des städtischen Museums am 13. Mai 07 gelang eine Fülle an historischem Filmmaterial an die Öffentlichkeit. Eine Besonderheit ist der 2006 gedrehte Kurzfilm der Trierer Dokumentarfilmer Harry Günzel und Bettina Leuchtenberg zum Thema Zwangssterilisation in Trier während der NS-Zeit.
Die Hauptrolle hat Hans Lieser. Er wurde 1925 gehörlos in Kordel geboren und ist eines der etwa 2.200 Opfer, die in den Jahren 1934-1935 im Trierer Bezirk zeugungsunfähig gemacht wurden. „Das Thema ist in den audiovisuellen Medien bisher kaum aufgearbeitet worden“, berichtet Bettina Leuchtenberg, die das Drehbuch zum Kurzfilm geschrieben hat. „Die Recherchen von Dr. Thomas Schnitzler sind die Grundlagen dieses Films.“
Im Gegensatz zu den meisten Betroffenen und deren Angehörigen schweigt Hans Lieser nicht. Er ist der erste gehörlose Zwangssterilisierte, der vor eine Kamera tritt und seine Geschichte preisgibt. Mit Hilfe eines Gebärdendolmetschers erzählt er ganz offen von seiner Zwangssterilisation. Der Kameramann und Cutter Harry Günzel rückt die authentischen Orte der Zwangssterilisation ins Bild und verarbeitet auch bis dato unveröffentlichtes historisches Bildmaterial. Vom heutigen Kreiskrankenhaus St. Franziskus Saarburg bis hin zu zeitgenössischen Fotografien aus dem OP des Evangelischen Elisabeth-Krankenhauses reichen die Aufnahmen.
„Als Zeitzeugin konnten wir noch die Tochter eines Arztes gewinnen, der sich in Trier weigerte, die Opfer des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses zu sterilisieren“, freut sich Thomas Schnitzler. Mit den Erzählungen von Frau Dr. Annemarie Körholz, geborene Hippchen, sowie zwei Mediziner-Porträts wird die Geschichte der Trierer Krankenhäuser zwischen 1933-1945 transparent gemacht.
Hier finden Sie weitere Informationen: Auf den Websites von Harry Günzel und von Bettina Leuchtenberg, M.A..
Hintergrundinformationen
Grundlage der massenweise durchgeführten Zwangssterilisation ist das aus dem Jahr 1933 stammende „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (GVen). Als Erbkrankheiten galten beispielsweise „angeborener Schwachsinn, Schizophrenie, manisch-depressives Irresein, erbliche Fallsucht, erblicher Veitstanz, erbliche Blindheit, erbliche Taubheit, körperliche Missbildungen jeder Art und schwerer Alkoholismus“. Auf Grundlage dieses heute immer noch wenig bekannten NS-Gesetzes wurden in der Zeit von 1934 bis 1945 etwa 400.000 Kinder und Erwachsene zeugungsunfähig gemacht.
Valentin Hennig, der Schwager von Hans Lieser, hat sich jahrelang für ihn und viele andere Zwangssterilisierte in der Region eingesetzt, damit die Betroffenen zumindest eine finanzielle Entschädigung erhielten. Seinem Engagement war es auch zu verdanken, dass das GVen schließlich 1998 – 65 Jahre nach seiner Einführung – vom Deutschen Bundestag zum „NS-Unrecht“ erklärt und damit aufgehoben wurde.
Zum Film
Titel: „Komm doch mit, sei ganz ruhig, wir gehen mal dahin…“ Die Zwangssterilisation des Hans Lieser
Länge: 20:00 min.
Drehbuch, Redaktion: Bettina Leuchtenberg
Kamera, Schnitt, Regie: Harry Günzel
Wissenschaftliche Beratung: PD Dr. Thomas Schnitzler
© schnittstelle 2006
Persönliche Anmerkung:
Dieser Film ist ein picture in picture, wo ein Gebärdendolmetscher den Off-Text und die Interviews übersetzt. Meine Recherchen ergaben leider, dass der Film nicht untertitelt ist. Ich bin mit Frau Leuchtenberg in Kontakt und hoffe, erreichen zu können, dass für interessierte Museumbesucher ein Audio-Transkript erhältlich sein wird.
Hier finden Sie die Pressemitteilung der schnittstelle | agentur für mediencontent und text!
Zum Thema Stolpersteine, die durch Gunter Demning hergestellt werden und in ganz Deutschland verlegt werden können Sie hier mehr nachlesen!
Neues von der schnittstelle:
In der SWR Landesschau werden am 21. Mai um 19.00 Ausschnitte aus dem vorgestellten Kurzfilm gezeigt.
Zudem berichten im Studio der Historiker PD Dr. Thomas Schnitzler und die Zeitzeugin Dr. Annemarie Körholz über die Zwangssterilisation in der Region Trier während der NS-Zeit.
Anmerkung zu dieser Sendung:
Der SWR RP zeigt seine Landesschau nicht mit Untertiteln, obwohl das Thema dafür ja geradezu prädestiniert wäre! Da die Landesschau lediglich Ausschnitte aus dem Film zeigt und auch andere Themen angesprochen werden, ist dies wohl die Erklärung für die Nicht-Untertitelung.